Das mensliche Gewissen

Metamorfose van het zieleleven

Gestatten Sie, daß ich den heutigen Vortrag mit einer persönlichen Erinnerung beginne. Sie bezieht sich auf ein kleines Erlebnis, das ich als ganz junger Mensch hatte, und das zu den Dingen gehört, die, wenn auch scheinbar ganz klein und unbedeutend, doch für das Leben immer wieder schöne Erinnerungen bilden können.

Als ganz junger Mensch hörte ich einmal die Vorträge eines Dozenten über Literaturgeschichte. Der betreffende Vortragende begann damals seinen Kursus mit einer Be­trachtung des Geisteslebens zur Zeit Lessings und wollte einleiten eine Reihe von Betrachtungen, die durch die litera­rische Entwickelung der zweiten Hälfte des achtzehnten und eines Teiles des neunzehnten Jahrhunderts führen soll­ten. Und er begann mit Worten, welche einen tiefen Ein­druck machen konnten. Er wollte den Hauptcharakterzug, der in das literarische Geistesleben zur Zeit Lessings hinein-kam, dadurch charakterisieren, daß er sagte: « Das künst­lerische Bewußtsein bekam ein ästhetisches Gewissen. »Wenn man sich dann aus dem, was er weiter ausführte, zurechtlegte, was er mit diesem Ausspruch eigentlich sagen wollte – diskutieren wollen wir über die Berechtigung die­ser Behauptung nicht -, so war es etwa folgendes: In die ganzen künstlerischen Betrachtungen und in alle Absichten der künstlerischen Leistungen, die sich an das Bestreben Lessings und anderer Zeitgenossen anschlossen, kam hinein der tiefste Ernst, durch den sie die Kunst nicht bloß zu etwas machen wollten, was wie ein Anhängsel des Lebens dasteht, was nur da ist, um auch nur etwas hinzuzufügen zu den verschiedenen anderen Vergnügungen des Lebens; sondern sie wollten die Kunst vielmehr zu etwas machen, was sich als ein notwendiger Faktor jedes menschenwür~ digen Daseins in die Entwickelung einfügen muß. Die Kunst zu erheben zu einer ernsten und würdigen Mensch­heitsangelegenheit, die mitzusprechen hat in dem Chor, in welchem gesprochen wird über die großen fruchtbringen den Angelegenheiten der Menschheit, das sei das Ziel ge­wesen der Geister, die jene Epoche begannen. – Das wollte jener Literarhistoriker sagen, indem er betonte: Es kam in das künstlerisch-dichterische Leben hinein ästhetisches Gewissen.

Warum konnte denn ein solcher Ausspruch eine Bedeu­tung haben für eine Seele, die hinhorchen wollte auf die Rätsel des Daseins, wie sie sich in diesem oder jenem Men­schenkopf spiegeln? Aus dem Grunde konnte ein solcher Ausdruck eine Bedeutung gewinnen, weil die Kunstauffas­sung geadelt werden sollte, indem sie mit einem Ausdruck belegt wurde, über dessen Bedeutung für alles Menschen-dasein, für alle Menschenwürde und Menschenbestimmung kein Zweifel bestehen kann. Mit einem Ausdruck sollte der Ernst des künstlerischen Wirkens belegt werden, über dessen Bedeutung sozusagen eine Diskussion ausgeschlossen ist. Und es ist etwas daran, wenn wir davon sprechen, daß in irgendeiner Angelegenheit jene Seelenerlebnisse eine Be­deutung haben, die wir mit dem Ausdruck « Gewissen »bezeichnen, weil wir dadurch gleichsam die betreffenden Angelegenheiten hinaufheben wollen zu einer Sphäre, in der sie geadelt werden. Das heißt aber mit anderen Wor­ten: Die menschliche Seele verspürt, wenn der Ausdruck

« Gewissen » ausgesprochen wird, daß etwas berührt wird von dem Wertvollsten im menschlichen Seelenleben, etwas von dem, was einen Mangel bedeuten würde für dieses Seelenleben, wenn es nicht in ihm vorhanden wäre. Und wie oft ist gesagt worden, um das Große und Bedeutungs­volle dessen zu charakterisieren, was mit dem Wort « Ge­wissen » bezeichnet wird – ganz gleichgültig, ob das der andere bildlich oder wirklich versteht: Was sich als Ge­wissen ankündigt in der menschlichen Seele, ist die Stimme Gottes in dieser Seele. Und man wird auch kaum finden, daß es irgendeinen Menschen geben kann, wenn er auch noch sowenig über höhere geistige Angelegenheiten nach­zudenken bereit ist, der nicht irgendeinen Begriff sich von dem gemacht hätte, was man gemeinhin das « Gewissen »nennt. Ein jeder hat ja so ungefähr das Gefühl: Was es auch sein mag, es ist eine Stimme, die mit einer unwider­leglichen Gewalt in der einzelnen Menschenbrust Entschei­dungen trifft über das, was gut und was schlecht oder böse ist; über das, was getan werden soll, damit der Mensch mit sich selber einverstanden sein kann, und was unter­lassen werden muß, damit der Mensch nicht an den Punkt kommt, wo er sich selber in gewissem Sinne mit Verachtung behandeln muß. Daher können wir sagen: Das Gewissen erscheint jeder einzelnen Menschenseele als etwas Heiliges in der Menschenbrust, als etwas, worüber es verhältnis­mäßig sogar leicht ist, irgendeine Ansicht zu gewinnen.

Anders allerdings stellt sich die Sache, wenn wir ein wenig die menschliche Geschichte und das menschliche Gei­stesleben betrachten. Wer würde denn nicht, wenn er eine solche geistige Angelegenheit ins Auge faßt, und wenn er tiefer zu sehen sich bemüht, ein wenig Umschau halten bei denen, wo er ein Wissen darüber voraussetzen kann: bei den Philosophen? Allerdings wurde es ihm da gegenüber einer solchen Angelegenheit so ergehen wie gegenüber so vielen anderen Menschheitsangelegenheiten: Die Erklärun­gen, die man bei den verschiedenen Philosophen über das Gewissen findet, unterscheiden sich, wenigstens scheinbar, beträchtlich voneinander, wenn sie auch immer einen mehr oder weniger dunklen Kern enthalten, der überall gleich ist. Aber das wäre nicht das Schlimmste. Wer sich recht viel Mühe geben wollte, die verschiedenen Philosophen alter und neuerer Zeit zu fragen, was sie unter dem Gewissen verstanden haben, der würde finden, daß er mancherlei recht schöne Sätze bekäme, – auch mancherlei recht schwer verständliche Sätze -, daß er aber nichts Rechtes träfe, von dem er sich sagen könnte, daß es vollständig und zweifel­los dasjenige zum Ausdruck brächte, wovon er fühlt: das ist das Gewissen! – Es würde allerdings heute viel zu weit führen, würde ich Ihnen eine Blütenlese geben von dem, was als die verschiedenen Erklärungen über das Gewissen Jahrhunderte hindurch von seiten gerade der philosophi­schen Führer der Menschheit gesagt worden ist. Da könnte hingewiesen werden darauf, daß etwa von dem ersten Drittel des Mittelalters an und dann durch die ganze mit­telalterliche Philosophie hindurch, wenn vom Gewissen die Rede war, immer gesagt worden ist, das Gewissen sei eine Kraft der menschlichen Seele, welche fähig ist, unmittel­bar Aussagen zu machen über das, was der Mensch tun und lassen soll. Aber – so sagen zum Beispiel die Philoso­phen des Mittelalters – es liegt diesem Kraftmoment in der menschlichen Seele noch etwas anderes zugrunde, noch etwas Feineres als das Gewissen selber. Eine Persönlichkeit, deren Name hier auch schon öfter genannt worden ist, Mei­ster Eckhart spricht davon, daß dem Gewissen zugrunde läge ein ganz kleiner Funke, der gleichsam als ein Ewiges in die Menschenseele gelegt worden ist, und der mit einer unwiderstehlichen Gewalt, wenn er vernommen wird, an­zeigt die Gesetze des Guten und des Bösen.

Wenn wir dann in die neue Zeit heraufkommen, finden wir wieder die verschiedensten Erklärungen über das Ge­wissen; darunter auch solche, welche einen eigentümlichen Eindruck hervorrufen müssen, weil sie deutlich an der Stirn geschrieben tragen, daß sie den ganzen Ernst jener inneren Gottesstimme, die wir das Gewissen nennen, eigentlich nicht zum Ausdruck bringen. Es gibt Philoso­phen, welche davon sprechen, daß das Gewissen eigentlich etwas sei, was der Mensch sich dadurch erringt, daß er im­mer mehr und mehr Lebenserfahrungen in seine Seele auf­nimmt, immer mehr und mehr erlebt, was für ihn nützlich, schädlich, vervollkommnend und so weiter ist oder nicht. Und aus dieser Summe von Erfahrungen bilde sich sozu­sagen der Niederschlag eines Urteils, das dann spräche:

Tue das, tue das nicht! – Es gibt andere Philosophen, welche dem Gewissen wiederum die höchste Lobrede ge­halten haben, die man ihm nur halten kann. Zu diesen letzten gehört der große deutsche Philosoph Johann Gott-lieb Fichte, der, wenn er auf das Grundprinzip alles mensch­lichen Denkens und Seins hinweisen wollte, vor allen Din­gen auf das menschliche Ich hindeutete, aber nicht auf das vergängliche, persönliche Ich, sondern auf den ewigen Grundkern im Menschen. Er wies zugleich darauf hin, daß das Höchste, was der Mensch erleben kann in seinem Ich, das Gewissen sei. Und er sprach es geradezu aus, daß der

Mensch nichts Höheres erleben könne als das Urteil in sich:

Das mußt du tun, weil es deinem Gewissen widerspräche, es nicht zu tun. Darüber könne man, was Majestät, was Adel des Urteils betrifft, überhaupt nicht hinausgehen. Und wenn Fichte gerade der Philosoph ist, der am aller­stärksten von allen Philosophen auf die Kraft und Bedeu­tung des menschlichen Ichs hingewiesen hat, so ist es cha­rakteristisch, daß er als den bedeutendsten Impuls im menschlichen Ich wiederum das Gewissen hinstellt.

Je mehr wir allerdings dann in die neuere Zeit hinauf-kommen, und je mehr sich das Denken einem materialisti­schen Grundcharakter nähert, desto mehr finden wir, daß das Gewissen – nicht für die menschliche Brust und nicht für das menschliche Herz, wohl aber für das Denken der mehr oder weniger materialistisch angehauchten Philoso­phen in seiner Majestät sehr stark herabgedrückt wird. Nur durch ein Beispiel soll das beleuchtet werden.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gibt es einen Philosophen, der ganz gewiß in bezug auf Vornehmheit der Seele, in bezug auf menschliches, harmo­nisiertes Fühlen, in bezug auf Weitherzigkeit der Ge­sinnung zu den schönsten und herrlichsten Persönlichkei­ten gehört. Er ist heute schon wenig mehr genannt: ich meine Bartholomäus Carneri. Wenn Sie seine Schriften durchgehen, finden Sie trotz der Vornehmheit seiner Denk­weise, trotz der Weitherzigkeit seiner Gesinnung, weil er ganz angehaucht war von der materialistischen Denk­weise seines Jahrhunderts, daß er das Gewissen so charak­terisiert: Was können wir uns unter dem Gewissen vorstel­len? Es ist doch im Grunde genommen nichts anderes als eine Summe von Gewohnheiten und anerzogenen Urteilen, die wir in der ersten Jugend aufgenommen haben, die uns eingeprägt sind durch Erziehung und Leben, deren wir uns nicht mehr genau bewußt sind. Aus unseren anerzoge­nen Gewohnheiten heraus spricht es: « Das sollst du tun -das sollst du nicht tun! »

Also auf die äußeren Lebenserfahrungen und Lebens-gewohnheiten, und zwar auf die engumschränktesten, wird hier der ganze Umfang des Gewissens zurückgeführt. Ja andere, noch mehr materialistisch angehauchte Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts sind noch weiter gegangen. Und interessant ist in dieser Beziehung die Schrift eines Philosophen, der in seiner mittleren Zeit auf Friedrich Nietzsche einen großen Einfluß gehabt hat: Paul Rée. Von ihm gibt es eine Schrift über die Entstehung des Gewissens. Sie ist interessant, nicht weil man auch nur in einem ein­zigen Satze beistimmen könnte, sondern als ein Symptom für die Anschauungen unserer ganzen Zeit. Darin wird un­gefähr ausgeführt – seien wir uns bewußt: wenn man etwas kurz sagen und mit ein paar scharfen Linien darstellen muß, wird es dadurch in manchen Einzelheiten etwas ver­zerrt werden müssen -: Die Menschheit hat sich in bezug auf alle Eigenschaften entwickelt, also auch in bezug auf das Gewissen. Ursprünglich hatten die Menschen das über­haupt nicht, was wir das Gewissen nennen. Das ist nur ein Vorurteil, und zwar eines der gewaltigsten, wenn man das Gewissen für etwas Ewiges hält. Ursprünglich ist so etwas wie eine Stimme, die uns sagt: « Das sollst du tun! das sollst du nicht tun! » eine Stimme, die wir als das Ge­wissen bezeichnen – so meint Paul Rée – überhaupt nicht vorhanden gewesen. Aber es entwickelte sich das, was wir den Rache-Trieb nennen könnten. Das war das Ursprünglichste.

Wenn einem irgend etwas angetan war, entwickelte sich der Rache-Trieb, dasjenige wieder zurückzugeben, was einem angetan worden war. Und durch die Komplikation der Lebensverhältnisse kam es dahin, daß in sozialen Ver­bänden die Rache den Mächten übergeben wurde, denen man die Ausführung übertrug. So gewöhnte sich der Mensch daran, zu glauben, daß auf jede Tat, durch die ein anderer geschädigt wird, etwas folgen müsse, was man früher « Rache » genannt hat. So bildete sich das Urteil heraus, daß gewisse Taten, die schlimme Folgen haben, ausgeglichen werden müssen durch andere Taten. Und aus der Weiter­bildung dieses Urteils entstand dann ein Zusammenhang zwischen gewissen Gefühlen, die der Mensch haben kann, wenn eine Tat getan ist, oder selbst, wenn er in die Ver­suchung kommt, etwas zu tun. Das hat der Mensch ver­gessen, daß ursprünglich der Rache-Trieb lebendig war; das aber hat sich festgesetzt im Gefühl, daß eine Handlung folgen müsse als Ausgleich auf eine schädigende Tat. So glaubt der Mensch jetzt, daß eine « innere Stimme » spräche, während es in Wahrheit nur die nach innen verschlagene Stimme des Rache -Triebes ist. – Da haben wir einen extre­men Fall, dadurch extrem, weil durch eine solche Auseinan­dersetzung das Gewissen als eine vollständige Illusion hin-gestellt wird.

Aber auf der anderen Seite müssen wir doch wieder zu­gestehen, daß auch jene Menschen viel zu weit gehen, welche behaupten, das Gewissen sei etwas, was als eine Tatsache immer vorhanden gewesen sei, so lange es überhaupt Men­schen auf der Erde gäbe; daß es sozusagen etwas Ewiges sei. Indem sowohl dort, wo mehr geistig gedacht wird, wie auch dort, wo man das Gewissen als reine Illusion erklärt,

Fehler gemacht werden, ist eine Verständigung auf diesem Gebiete sehr schwierig, trotzdem es sich um eine alltägliche – aber alltäglich-heilige – Sache unseres menschlichen Innern handelt. Schon durch eine Umschau bei den Philosophen könnte man entnehmen, daß über das Gewissen selbst bei den besten unserer menschlichen Persönlichkeiten früher anders gedacht worden ist, als wir es heute müssen. Es ist mit Recht hingewiesen worden von Leuten, die doch etwas tiefer sehen in solchen Sachen, daß wir zum Beispiel bei einer so hehren Persönlichkeit wie Sokrates im Grunde ge­nommen gar nicht so etwas finden wie das, was wir heute als « Gewissen » bezeichnen. Denn wenn wir sagen: das Ge­wissen ist eine Stimme, welche selbst in der Brust des naiv­sten Menschen spricht und die wie mit göttlich-heiligem Impuls sagt: «Dies sollst du tun! das sollst du lassen! » so nimmt sich demgegenüber die von Sokrates gemachte und dann auf Plato übergegangene Behauptung doch etwas an­ders aus. Beide behaupten, daß Tugend etwas sei, was lehr-bar sei, was man lernen könne. Sokrates will also sagen:

Wenn der Mensch sich klare Begriffe bildet über das, was er tun oder nicht tun soll, so kann er durch Lernen, durch ein Wissen von der Tugend dazu kommen, allmählich tugendhaft zu handeln.

Wer nun auf dem heutigen Begriff des Gewissens fest­steht, könnte dagegen einwenden: Das wäre eigentlich recht schlimm, wenn man erst abwarten müßte, bis man gelernt hat, was gut oder schlecht ist, um zu einem tugendhaften Handeln zu kommen. Das Gewissen ist etwas, was mit viel elementarerer Gewalt in der menschlichen Seele spricht

  • und längst im einzelnen Falle vernehmbar spricht: « Das sollst du tun und das lassen! » bevor wir uns die höheren

Ideen gebildet haben über das, was gut und böse ist, bevor wir also eine Morallehre aufgenommen haben. Und Gewis­sen ist etwas, was eine gewisseRuhe in die menschliche Seele einziehen läßt, wenn der Mensch sich sagen kann: Du hast etwas getan, womit du einverstanden sein kannst. Schlimm wäre es – so kann mancher sagen – wenn wir erst viel ler­nen müßten über Wesen und Charakter der Tugend, um zu einer Zustimmung über unser Handeln kommen zu wol­len. Deshalb können wir sagen: Jener Philosoph, zu dem wir wie zu einem Märtyrer der Philosophie aufsehen, der durch seinen Tod geadelt und gekrönt hat sein philoso­phisches Werk, Sokrates, er stellt uns einen Tugendbegriff hin, der sich schwer mit dem heutigen Begriff vom Gewis­sen vereinigen läßt. Und selbst bei den späteren griechischen Denkern wird immer noch gesagt, daß man sich durch Ler­nen in der Tugend vervollkommnen könne; was im Grunde der ursprünglichen elementaren Macht des Gewissens wider­sprechen würde.

Woher kann es nun kommen, daß eine so hehre und ge­waltig erscheinende Persönlichkeit wie Sokrates eigentlich den Begriff, den wir uns heute vom Gewissen machen, noch nicht kennt, trotzdem wir fühlen, wenn wir an Sokrates herantreten, so wie ihn uns Plato als Unterredner darstellt, daß aus seinen Worten der reinste Moralsinn, die höchste Tugendkraft spricht?

Das kommt von nichts anderem her als davon, daß selbst diejenigen Begriffe, Vorstellungen und inneren Seelenerleb­nisse, die heute der Mensch so fühlt, als waren sie ihm gleichsam eingeboren, auch im Laufe der Zeit von der Men­schenseele erst errungen worden sind. Wer zurückgeht in das Geistesleben der Menschheit, der wird allerdings finden, daß der Begriff des Gewissens und das Gefühl vom Gewissen in den alten Zeiten – auch beim griechischen Volke

  • nicht in derselben Art vorhanden waren, wie sie heute gedacht und gefühlt werden. Entstanden ist der Begriff des Gewissens. Aber nicht auf so leichte Weise durch äußere Erfahrung und äußere Wissenschaft kann der Mensch etwas lernen über die Entstehung des Gewissens, wie es etwa durch Paul Rée versucht worden ist; sondern da muß schon tiefer hineingeleuchtet werden in die menschliche Seele.

Nun haben wir es in diesem Winter gerade als Aufgabe dieser Vorträge betrachtet, in das Gefüge der menschlichen Seele tiefer hineinzuleuchten; und zwar mit jenem Lichte, das entnommen ist einer Entwickelung der menschlichen Seele zu höheren Erkenntnisfähigkeiten hinauf. Es wurde ja alles Seelenleben so dargestellt, wie es sich zeigt dem ge­öffneten Auge des Sehers; jenem Auge, das nicht nur die äußere Sinneswelt sieht und sich nicht nur ein Wissen er­ringt von der Sinneswelt, sondern das hinter den Schleier der Sinneswelt in die Region schaut, wo die eigentlichen Ursprünge der Sinneswelt liegen: in die geistigen Unter­gründe dieser Sinneswelt. Und auf der anderen Seite wurde wiederholt darauf hingewiesen – zum Beispiel in dem Vor-trage «Was ist Mystik? » – wie über dasjenige hinaus, was uns im Alltagsleben als unser Seelenleben erscheint, das seherische Bewußtsein in tiefere Regionen der Seele hinein-führt. Wir glauben im gewöhnlichen Leben der Seele schon tiefere Untergründe zu erkennen, wenn wir in uns selber blicken und die Gedanken-, Gefühls- und Willenserlebnisse finden. Es ist aber darauf hingewiesen worden, wie das, was sich unserer Seele im tagwachenden Zustand zeigt, im Grunde nur die Außenseite für das eigentlich Geistige ist

Geradeso, wie wir den Schleier des Daseins schauen müssen, wenn wir dessen Untergründe finden wollen, hinter das, was uns unsere Augen zeigen, was uns unsere Ohren hören lassen, was uns unser Verstand durch das Gehirn erkennen läßt, so müssen wir hinter unser Denken, Fühlen und Wol­len schauen, auch hinter die Gründe dessen, was wir in un­serem Innern als das gewöhnliche Seelenleben haben, wenn wir die eigentlichen Ursachen, die geistigen Untergründe unseres eigenen Lebens kennenlernen wollen.

Von solchen Gesichtspunkten sind wir ausgegangen, um das menschliche Seelenleben in seinen mancherlei Verzwei­gungen zu beleuchten. Da hat sich uns herausgestellt, daß dieses menschliche Seelenleben in drei voneinander zu unter~ scheidenden Gebieten zu betrachten ist; – wohl gemerkt, ich sage nicht « zu trennenden Gebieten »! Als das unterste Glied des Seelenlebens hat sich uns die « Empfindungsseele »dargestellt. Bei einem Menschen, der noch ganz hingegeben ist seinen Trieben, Begierden und Leidenschaften, der es noch nicht dahin gebracht hat, seine Affekte und Leiden­schaften zu läutern und zu reinigen und von seinem Ich aus Herr über sie zu werden, sprechen wir davon, daß die Emp-~ findungsseele das Übergewicht hat. Wenn der Mensch dann immer mehr und mehr Herr wird über Triebe, Begierden und Leidenschaften, dann zeigt sich uns ein höheres Seelen-glied: die « Verstandes~ oder Gemütsseele » Darin macht sich geltend, was im Menschen lebt als Wahrheitssinn, als Mitgefühl mit anderen Menschen und dergleichen. Die Ver~ standesseele entwickelt sich aus der Empfindungsseele her­aus. Und das höchste Seelenglied, zu dem sich der Mensch zunächst aufschwingen kann – er wird in der Zukunft noch höhere Glieder entwickeln -, haben wir die « Bewußtseinsseele » genannt. Während der Mensch in der Empfindungs­seele das, was als äußere Eindrücke von außen auf ihn wirkt, mit seinen Trieben und Leidenschaften beantwortet, steigt er in seine Gemütsseele hinauf, um, ohne lediglich auf Triebe und Leidenschaften zu hören, die Eindrücke der Welt zu beantworten. Wenn er seine Triebe, Begierden und Leidenschaften läutert, entwickelt sich die Verstandesseele. Wenn er dann mit dem, was er sich in seinem Innern er­obert hat, wiederum herantritt an die äußere Welt, wenn er sich innerlich Vorstellungen erworben hat, um die Welt zu begreifen, und sich sagt: Meine Vorstellungen und Be­griffe sind dazu da, um mir dieWelt verständlich zu machen, wenn er gleichsam wieder aus sich herausgeht, um sich ein Bewußtsein zu erwerben von dem, was draußen in der Welt vorhanden ist, dann steigt er hinauf zur Bewußtseins-seele.

Was ist es, was sich in der menschlichen Seele durch diese drei Seelenglieder hinaufarbeitet? – Das ist das menschliche Ich, jener Einheitspunkt des menschlichen Innern, durch den alles zusammengehalten wird, was gleichsam wie auf drei Saiten des Seelenlebens spielt, indem es sie in der ver­schiedensten Weise zusammenklingen läßt, konsonierend oder dissonierend. Diese Gewalt im Innern, die sich da­durch geltend macht, daß sie die Begriffe wieder verbindet mit den Dingen der Welt, nennen wir das menschliche Ich, das anwesend ist in allen drei Seelengliedern wie ein inne­rer Künstler, der auf dem menschlichen Seelenwesen spielt wie auf drei Saiten. Aber was wir so sehen wie eine Art inneren Spiels des Ich innerhalb unserer Seelenglieder, das hat sich doch erst nach und nach entwickelt. Ja, die ganze Art des jetzigen Bewußtseins hat sich erst nach und nach entwickelt. Und wir verstehen am besten, wie dieses mensch~ liche Bewußtsein und das heutige menschliche Seelenleben sich aus der Urzeit hereinentwickelt haben, wenn wir ein wenig hinweisen auf das, was aus dem Menschen in der Zu­kunft werden kann, und was schon heute aus ihm werden kann, wenn er aus der Bewußtseinsseele hinaus seine Seele entwickelt eben zu dem, was wir ein höheres, seherisches Bewußtsein nennen können.

Die gewöhnliche Bewußtseinsseele läßt uns nur jene Außenwelt begreifen, welche dem Sinnesleben gegenüber-steht. Wenn der Mensch hinter den Schleier der Sinnenwelt dringen will, muß er sein Seelenleben höher hinaufentwik~ kein, muß er die Entwickelung in sich selber fortsetzen. Dann macht er die große Erfahrung, daß es so etwas gibt, wie eine Erweckung der Seele, etwas, was sich vergleichen läßt im niederen Seelenleben mit der Operation eines Blindgeborenen, der vorher nichts gewußt hat von Licht und Farben und nachher hereinbrechen sieht die lichtvolle, farbige Welt. So ist es mit dem, der durch die entsprechen­den Methoden seine Seele zu höherer Entwickelung bringt und der dann den Augenblick erlebt, wo das, was sonst nicht genannt wird in unserer Umgebung, was uns aber immer umschwirrt, hereintritt als eine Fülle von Wesen­heiten und Tatsachen in unserem Seelenleben, weil wir uns ein neues Organ erworben haben.

Wenn sich der Mensch bewußt durch Schulung zu sol­chem Sehertum entwickelt, nimmt er sein volles Ich in die­ses Sehertum mit hinauf; das heißt er bewegt sich innerhalb der geistigen Wesenheiten und Tatsachen, die unserer sinn­lichen Welt zugrunde liegen, so wie er sich zwischen Tischen und Stühlen in der Sinnenwelt bewegt. Was ihn als sein früheres Ich geleitet hat durch Empfindungsseele, Verstan­desseele und Bewußtseinsseele, das nimmt er in eine höhere Region des menschlichen Seelenlebens mit hinauf.

Wenden wir jetzt von dem hellseherischen Bewußtsein, das durchleuchtet und durchglüht ist vom Ich des Menschen, den Blick wieder zurück auf das gewöhnliche Seelenleben. In der verschiedensten Weise lebt das Ich des Menschen in drei Seelengliedern. Haben wir einen Menschen, der ganz und gar in den Trieben, Begierden und Leidenschaften lebt, die in seiner Empfindungsseele aufsteigen, ohne daß er im Grunde etwas dazu tut, so sagen wir: er ist hingegeben an seine Empfindungsseele, und das Ich ist noch sehr schwach in ihm tätig. Da hat das Ich keine besondere Gewalt; es folgt sozusagen den Trieben, Begierden und Leidenschaften der Empfindungsseele. Wir können sagen: innerhalb jener Gewalten, die wie die Meereswogen der Seele auftauchen aus der Empfindungsseele, steht als eine schwache Leuchte das Ich da und vermag noch wenig gegenüber dem Wogen der Triebe und Willensimpulse. – Freier und selbständiger arbeitet das Ich schon in der Verstandesseele oder Gemüts-seele. Da kommt der Mensch schon mehr zu sich, weil die Verstandesseele sich nur dadurch entwickeln kann, daß der Mensch das, was er in seiner Empfindungsseele innerlich erlebt, im ruhigen, inneren Seelenleben verarbeitet. Der Mensch kommt in der Verstandesseele zu seinem Ich, das heißt zu sich selber. Das Ich wird immer leuchtender und leuchtender und kommt dann zur vollständigen Klarheit, so daß der Mensch sich sagen kann: Ich habe mich erfaßt! Ich bin zum eigentlichen Selbstbewußtsein gekommen! Zu dieser Klarheit kann das Ich erst in der Bewußtseinsseele kommen. Da zeigt sich die vordringende Stärke des Ichs, wenn wir hinaufdringen von der Empfindungsseele durch die Verstandesseele zur Bewußtseinsseele.

Wenn sich aber der Mensch in seinem Ich über die Be­wußtseinsseele hinausentwickeln kann zum hellsichtigen Bewußtsein, gleichsam zu höheren Seelengliedern, so wer-den wir es auch begreiflich finden, wenn der Seher, zurück-blickend in die Menschheitsentwicklung, uns sagt: Gerade­so, wie das Ich hinaufsteigt zu höheren Seelengliedern, so ist es auch in die Empfindungsseele hineingekommen von einem untergeordneten Gliede der Menschennatur. – Wir haben schon darauf hingewiesen, wie die Gesamtheit des menschlichen Innern – Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele – sich entwickelt in der Gesamtheit der menschlichen Hüllen, die wir bezeichnen als physischen Leib, Ätherleib und astralischen Leib oder Empfindungsleib. Muß es da nicht begreiflich erscheinen, wenn nun die Geisteswissenschaft uns zeigt, daß das Ich, bevor es sich hinaufentwickelt hat durch die Empfindungs-seele bis zur Bewußtseinsseele, eigentlich in untergeordneten, noch wenig seelischen Gliedern des Menschen, in den äuße­ren menschlichen Hüllen tätig war? Bevor das Ich in der Empfindungsseele war, war es im Empfindungsleib tätig; noch früher im Ätherleib und im physischen Leib. Da war es noch mehr ein solches Ich, das den Menschen von außen lenkte und leitete. Wenn wir uns von dieser Wirksamkeit eine Vorstellung machen wollen, können wir etwa sagen:

Wenn wir den Menschen vor uns haben in seinen drei Hül­len, sehen wir das Ich wirksam, indem es den Menschen leitet und lenkt. Aber da ist der Mensch noch nicht fähig, zu sich Ich zu sagen, noch nicht fähig, in sich selber seinen Wesensmittelpunkt zu finden. Da kommen wir zu einem

Ich, das noch in dem Dunkel des Leibeslebens waltet. Aber legen wir uns jetzt die Frage vor: Ist dieses Ich, das in die­ser urfernen Vergangenheit im Menschen gewaltet hat und die äußere Leiblichkeit aufgebaut hat, eigentlich unvoll­kommener zu denken als dasjenige Ich, das wir heute selbst in unserer Seele tragen?

Wir blicken heute auf unser Ich als auf den eigentlichen inneren Sammelpunkt unseres Wesens, das uns als Men­schen unsere Innerlichkeit gibt, und das sich in Zukunft durch Schulung in unendlicher Weise vervollkommnen kann. Wir sehen in ihm den Inbegriff unserer menschlichen Wesen­heit und zugleich dasjenige, was uns Gewähr gibt für unsere Menschenwürde. Als wir nun dieses Ich noch nicht spürten, als es noch an uns arbeitete aus den dunklen geistigen Ge­walten der Welt heraus, war es da unvollkommener, als es jetzt in uns ist? – Das könnte nur derjenige sagen, der bloß abstrakt denken wollte.

Wir blicken zum Beispiel auf unseren physischen Leib als auf etwas, was in urferner Vergangenheit aus der gei­stigen Welt heraus gebildet worden ist, das aber doch da sein mußte, damit die Seele darinnen wohnen kann. Nur materialistischer Sinn könnte glauben, daß dieser physische Leib nicht aus dem Geiste heraus ist. Aber wir blicken das mit zugleich auf etwas, was als geistige Schöpfung dem­jenigen vorangehen mußte, was wir jetzt unser Innenleben nennen. Denn unser Innenleben muß während des Erden-daseins in einem Leibe wohnen, und der mußte vorher zu­bereitet sein. Wenn wir den Leib auch nur äußerlich be­trachten, werden wir uns sagen müssen: Was ist dieser menschliche Leib doch für ein Wunderwerk an Vollkom­menheit! Wer auch nur als Anatom oder Physiologe zum

Beispiel das menschliche Herz anschaut in seinem Wunder-bau, der wird sagen: Was ist aller menschlicher Verstand, was ist alle technische Geschicklichkeit, verglichen mit dem, was sich uns als Weisheit im Bau des menschlichen Herzens darstellt! Was ist alle unsere Ingenieurtechnik, die Brücken-gerüste und dergleichen aufbaut, gegen das Gerüst des menschlichen Oberschenkelknochens, das sich uns darstellt als ein wunderbares Gerüst von hin- und hergehenden Balkenlagen, wenn wir es durch das Mikroskop betrachten! Es ist ein schier unermeßlicher Hochmut, wenn der Mensch glauben wollte, daß er auch nur im allergeringsten Grade das erreicht hätte, was als Weisheit hineingelegt ist in den Bau des äußeren physischen Leibes. Und wenn wir unser Seelenleben betrachten – gehen wir nur bis zu den Trieben, Begierden und Leidenschaften – und fragen wir: Wie wirken diese? Was tun wir nicht alles, um von unserm Innern her­aus den weisheitsvoll organisierten Bau unseres Leibes zu untergraben? dann wird der, der unbefangen das Weisheits~ werk des menschlichen Hüllenbaues betrachtet, sagen müs­sen: Unendlich viel weiser ist der Bau unseres Leibes als das, was wir in unserm Innern tragen, von dem wir die Hoffnung hegen, daß es sich immer vollkommener gestalten wird, was aber heute im Grunde noch recht unvollkommen ist. – Aber nimmermehr können wir etwas anderes glau­ben, auch wenn wir nicht hellseherisch sind, wenn wir nur unbefangen das betrachten, was sich vor das äußere Auge hinstellt.

Muß nicht jene weisheitsvolle Tätigkeit, welche das leib­liche Gehäuse des Menschen aufgebaut hat, damit dieses von einem Ich bewohnt werde, von derselben Natur und Wesenheit etwas haben, was das Ich selbst seiner Natur und Wesenheit nach ist? Müssen wir nicht das, was an un­sern Hüllen gearbeitet hat, uns mit einem Ich-Charakter, nur mit einem unendlich vollkommeneren Ich-Charakter denken? Wir müssen sagen: Etwas, das mit unserem Ich verwandt ist, hat durch urferne Zeiten hindurch gebaut an einem solchen Gehäuse, das von einem Ich bewohnt werden kann. – Wer das nicht glauben will, mag sich etwas anderes einbilden; aber er mag sich auch einbilden, daß ein mensch­liches Haus, das gebaut ist, damit ein Mensch darinnen wohnen kann, nicht von einem Menschengeiste aufgeführt worden ist, sondern sich durch bloße Naturkräfte zusam­mengefügt habe. Das eine ist so richtig wie das andere, wenn man es nur unbefangen betrachtet. Daher blicken wir auf eine urferne Vergangenheit, wo Geistiges mit einer un­endlich vollkommenen Ich-Natur an unsern Hüllen ge­arbeitet hat, und da heraus arbeitete sich das Ich erst zum heutigen Bewußtsein herauf. Wie im Unterbewußten war es verborgen in Urzeiten in diesem Gehäuse.

Wenn wir diese Entwickelung betrachten seit jener ur­fernen Vergangenheit, wo das Ich wie im dunklen Mutter-schoß der äußeren Hüllen drinnen war, so finden wir, daß es zwar von sich nichts wußte, dafür aber näher stand jenen geistigen Wesenheiten, die an unsern Hüllen gebaut haben, die mit dem Ich verwandt, aber nur unendlich vollkomme­ner sind als das Ich selbst. Daher wird es begreiflich er­scheinen, daß das Seher-Bewußtsein zurückweist auf eine Zeit, wo der Mensch zwar noch nicht das Ich-Bewußtsein hatte, aber dafür im Schoße des geistigen Lebens selber war, und wo auch das heutige Seelenleben ganz anders war, noch näher den Seelenkräften, aus denen das Ich hervor­gegangen ist. Wenn wir zurückgehen in die Vergangenheit der Menschheitsentwicklung, finden wir auf dem Grunde aller menschlichen Entwickelung ein ursprüngliches hell­sichtiges Bewußtsein, das nur nicht von einem Ich durch­leuchtet war, sondern dumpf und traumhaft wirkte; und diesem Bewußtsein erst entsprießt das Ich des Menschen. Was sich der Mensch mit seinem Ich erst in der Zukunft wieder erringen wird, das finden wir in jener urfernen Vergangenheit ohne das Ich. – Hellsichtiges Bewußtsein ist aber damit verbunden, daß der Mensch geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten in seiner Umgebung sieht. Das ist es, was uns die Geisteswissenschaft zeigt: daß der Mensch, bevor er zum heutigen Bewußtsein gekommen ist, in seinem Seelenzustande in einem traumhaften Hellsehen war, wo er der geistigen Welt näher war, sie schaute, wenn auch nur in einer ähnlichen Weise wie im Traum. Das ist der Ur­zustand der Menschheit. Da war der Mensch, weil er eben noch nicht von einem Ich durchglüht war, noch nicht ange­wiesen, in seinem Innern zu bleiben, wenn er etwas Geisti­ges erblicken wollte; sondern da erblickte er das Geistige um sich herum und erblickte sich als Glied der geistigen Welt; und was er tat, hatte in seinem Anschauen noch einen geistigen Charakter. Wenn er etwas dachte, war es nicht so wie heute, wo der Mensch sagt: Jetzt denke ich! sondern er hatte den Gedanken durch Hellsichtigkeit vor sich. Wenn er ein Gefühl zu entwickeln hatte, hatte er nicht nur in sein Inneres zu schauen, sondern das Gefühl war etwas, was aus-strahlte von ihm, wodurch er sich eingliederte in seine ganze geistige Umgebung.

So lebte der Mensch der Vorzeit in bezug auf seine Seele. Und aus diesem traumhaft-hellseherischen Bewußt­sein mußte sich der Mensch entwickeln, um zu sich selber zu kommen, um jenen Mittelpunkt zu finden, der heute noch unvollkommen ist, der aber in der Zukunft immer vollkommener werden wird, wo der Mensch mit dem Ich in die geistige Welt hineinsteigen wird.

Wenn wir nun in jene Urzeiten der Menschheit zurück-leuchten mit den Methoden, die wir hier charakterisiert haben, und welche dem hellseherischen Bewußtsein zur Verfügung stehen, was sagt uns dann der Seher über das ursprüngliche menschliche Bewußtsein, zum Beispiel wenn der Mensch eine schlimme Tat begangen hatte? Da stellte sich die schlimme Tat nicht dar als etwas, was der Mensch mit seinem Innern taxieren konnte, sondern er sah sie in ihrer ganzen Schädlichkeit und Schändlichkeit wie ein Ge­spenst vor seiner Seele stehen. Und wenn das Gefühl für die schlechte Tat in der Seele auftauchte, so war die Folge die, daß die betreffende Tat in ihrer Schändlichkeit als geistige Wirklichkeit an den Menschen herantrat. Da war der Mensch gleichsam umgeben von der Anschauung des Schlimmen seiner Tat.

Dann kam der Mensch immer mehr und mehr in die Zeit hinein, wo das alte traumhafte Hellsehen schwand und wo sich das Ich immer mehr und mehr geltend machte. In­dem der Mensch seinen Mittelpunkt in seinem Innern fand, erlosch das alte Hellseherbewußtsein; dafür aber tauchte immer deutlicher das Selbstbewußtsein auf. Was er früher vor sich hatte als Anschauung seiner bösen Tat – und auch seiner guten Tat -, das wurde in sein Inneres verlegt. Es spiegelte sich gleichsam das, was er früher hellseherisch geschaut hatte, in seinem Innern.

Was waren das nun für Gestalten, die der Mensch im traumhaften Hellsehen erblickte als geistige Gegenbilder seiner schlechten Tat? Es war das, was ihm die geistigen Mächte seiner Umgebung zeigten als etwas, wodurch er die Weltordnung gestört, zerrüttet hatte. Das war im Grunde keine schlimme Wirkung im rechten Sinne des Wortes; es war eine heilsame Wirkung. Es war gleichsam die Gegen­wirkung der Götter, die den Menschen emporheben woll~ ten, indem sie ihm die Wirkung seiner Tat zeigten, um ihm zu ermöglichen, die schädliche Folge seiner Tat zu beseiti­gen. So war es zwar etwas Furchtbares, wenn die Wirkung der schlimmen Tat vor dem Menschen stand, aber im Grunde war es eine heilsame Wirkung des Weltengrundes, aus dem der Mensch selbst herauskam. Als dann die Zeit kam, wo der Mensch in sich seinen Ich-Mittelpunkt fand, da wurde diese Anschauung in das Innere verlegt und trat als Wir­kung seiner Tat im Spiegelbilde im Innern auf. Wenn unser Ich zuerst zum Vorschein kommt, ist es zunächst schwach innerhalb der Empfindungsseele vorhanden, und der Mensch muß sich langsam erst hinaufarbeiten, um das Ich nach und nach zur Vollkommenheit zu bringen. Fragen wir uns ein­mal: Was wäre geschehen in dem Augenblick der Entwicke­lung, als die hellseherische Anschauung der Taten des Men­schen von außen verschwand, wenn nicht innerlich etwas aufgetreten wäre in dem noch schwachen Ich, was zugleich wie ein Gegenbild jener wohltätigen Wirkung erschien, die dem Menschen früher vor Augen trat, wenn er die Wirkung seiner Tat hellseherisch schaute?

Der Mensch hätte sein schwaches Ich gehabt; er wäre aber hin und her gerissen worden in der Empfindungsseele durch seine eigenen Leidenschaften wie in einem uferlosen, aufgepeitschten Meere. Was trat beim Menschen in diesem großen weltgeschichtlichen Augenblick aus dem Äußeren in das Innere? Wenn es der große Weltengeist war, der als heilsame Gegenwirkung die schädliche Wirkung einer Tat vor das hellseherischeBewußtsein stellte, der demMenschen zeigte, was er auszubessern hatte, dann war es nachher auch dieser Weltengeist, der sich als ein Mächtiges im Innern des Menschen kundgab, als das Ich selber noch schwach war. So zog sich der früher in dem heliseherischen Anschauen sprechende Weltengeist in das menschliche Innere in bezug auf dasjenige zurück, was er zur Korrektur der gestörten Weltordnung zu sagen hatte. Das Ich ist noch schwach. Über diesem Ich wacht aber der Weltengeist; und er läßt sich vernehmen als etwas, was jederzeit wachend über dem Ich steht und über das urteilt, worüber das Ich noch nicht urteilen könnte! Hinter diesem schwachen Ich steht etwas wie ein Abglanz des mächtigen Weltengeistes, der früher im hellsichtigen Bewußtsein dem Menschen die Wirkung seiner Taten gezeigt hatte.

So nahm der Mensch, als dann das alte Hellsehen hin-schwand, von dem, was der Weltengeist selber wirkte, nur noch einen Abglanz in seinem Innern wahr. Dieser Ab­glanz des korrigierenden Weltengeistes, der neben dem Ich wachend steht, erschien dem Menschen als das ihn über­wachende Gewissen! So sehen wir, daß es wahr ist, wenn ein naives Bewußtsein davon spricht, daß das Gewissen die Stimme des Gottes im Menschen sei. Aber wir sehen zugleich, daß uns die Geisteswissenschaft in der Entwik~ kelung des Menschen den Moment zeigt, wo das Äußere in das Innere getreten ist, und wo das Gewissen entstanden ist.

Was ich jetzt gesagt habe, kann rein geschöpft werden aus den Anschauungen der geistigen Welt. Man braucht keine äußere Geschichte dazu; das muß ganz innerlich ge­schaut werden. Wer es schauen kann, der empfindet es als eine Wahrheit von unwiderleglicher Gewißheit. Fragen wir aber jetzt einmal aus einem Zeitbedürfnis heraus:

Könnte uns vielleicht auch eine äußere Geschichte etwas zeigen, was sich wie eine Bestätigung dessen darstellt, was jetzt aus dem Tatbestand des inneren Schauens hervor­geholt ist?

Was aus Seherbewußtsein herrührt, kann man an den äußeren Tatsachen immer prüfen. Wer so etwas behauptet, braucht nicht besorgt zu sein, daß es den äußeren Tatsachen widerspricht. Nur ungenaues Prüfen könnte das vielleicht erleben. Aber es soll nur auf eines hingewiesen werden, was zeigen kann, wie die äußeren Tatsachen durchaus das be~ statigen, was jetzt als ein Tatbestand aus dem hellsichtigen Bewußtsein hergeleitet worden ist.

Es ist gar nicht so lange her, wo wir den Augenblick der Entstehung des Gewissens wahrnehmen können. Wenn wir zurückgehen bis ins fünfte und sechste Jahrhundert der vorchristlichen Zeitrechnung, treffen wir in Griechen~ land einen gewaltigen Dichter der griechischen Dramatik:

Aeschylos. Er stellt uns etwas sehr Merkwürdiges dar; merk­würdig aus dem Grunde, weil dasselbe später von einem anderen griechischen Dichter anders dargestellt worden ist. Aeschylos stellt dar den aus Troja heimkehrenden Aga~ memnon, der beim Eintreffen in seiner Heimat von seiner Gattin Klytemnästra ermordet wird. Agamemnon wird gerächt von seinem Sohn Orest, der, nachdem ihm die Göt­ter dazu den Rat gegeben haben, die Mutter tötet, die den Vater ermordet hat. Was ist nun die Folge dieser Tat für Orest? Durch die Wirkung des Muttermordes preßt sich aus seinem Innern etwas heraus – das wird uns bei Aeschylos dargestellt -, was ihn fähig macht, das zu schauen, was während dieser Jahrhunderte normalerweise nicht mehr geschaut werden konnte; ahnormalerweise läßt die Gewalt solcher Tat wie ein altes Erbstück noch einmal das alte Hellsehen erstehen. Orest konnte sagen: Apollo, der Gott selber ist es, der mir Recht gibt, daß ich meinen Vater an meiner Mutter gerächt habe. Alles, was ich getan habe, spricht für mich. Aber das Blut der Mutter wirkt nach! Und im zweiten Teil der « Orestie » wird uns gewaltig dar­gestellt, wie das Erbstück des alten Hellsehens erwacht, wie sie herankommen, die Rachegöttinnen, die Erinnyen, die späteren Furien der Römer. Die äußere Gestalt der Wir­kung des Muttermordes sieht Orest im traumhaften Hell-sehen vor sich. Apoll selbst gibt ihm Recht; aber es gibt noch etwas Höheres. Das heißt: Aeschylos wollte darauf hinweisen, daß es eine noch höhere Weltordnung gibt; und er konnte es nur zeigen, indem er Orest in diesem Augen­blick hellsichtig werden läßt. Noch nicht ist Aeschylos so weit, um das zu zeigen, was wir heute eine innere Stimme nennen. Aber, namentlich wenn man den Agamemnon stu­diert, sagt man: Aeschylos ist bis zu dem Punkt gekommen, wo aus dem ganzen menschlichen Seelenleben so etwas her­ausquellen müßte wie das Gewissen; ganz so weit ist er nur noch nicht. Er stellt vor Orest hin, was noch nicht zum Ge­wissen geworden ist: die Bilder des traumhaften Hell­sehens. Aber wir merken schon, wie er hart am Rande ist, zum Gewissen vorzudringen. Aus jedem Wort, das er zum Beispiel der Klytemnästra in den Mund legt, kann man förmlich herausfühlen: Jetzt sollte hingewiesen werden auf die Vorstellung, die wir mit dem Gewissen bezeichnen!

Aber es kommt nicht dazu. In diesem Jahrhundert kann der große Dichter nur zeigen, wie früher schlechte Taten sich vor die menschliche Seele hingestellt haben.

Und nun gehen wir ein Menschenalter weiter; wir gehen von Aeschylos über Sophokles zu Euripides, der nur kurze Zeit später denselben Tatbestand behandelt. Mit Recht ist von Forschern darauf hingewiesen worden – aber nur von der Geisteswissenschaft kann es ins rechte Licht gesetzt wer den -, daß er den Tatbestand so hinstellt, daß er für die Auffassung des Orest, wenn von Traumbildern gesprochen wird, diese nur – ähnlich wie bei Shakespeare – etwas sind wie Schattenbilder des inneren Gewissens.

Da können wir gleichsam mit Händen greifen, wie das Gewissen für die Dichtkunst erobert wird. Wir sehen, wie Aeschylos, der große Dichter, noch nicht vom Gewissen spricht, während Euripides, sein Nachfolger, schon davon spricht. Wenn wir dies vor Augen haben, konnen wir ver~ stehen, warum menschliches Denken, menschliches irdisches Wissen auch nur ganz langsam sich hinaufarbeiten konnte zu einem Begriff vom Gewissen. Die Kraft, die im Ge­wissen wirkt, hat auch gewirkt in alten Zeiten, wo sich die Bilder, welche die Wirkungen der Taten des Menschen dar~ stellten, dem heliseherischen Schauen zeigten. Es ist die Kraft nur von außen nach innen gezogen. Aber was gehörte dazu, um sie auch zu empfinden? Das Moralische hätte man auch haben können gleichsam als Niederschlag dessen, was das menschliche Bewußtsein schon früher hatte. Um aber diese Kraft als eine innere zu empfinden, mußte man die ganze menschliche Entwickelung mitmachen, die sich den Gewissensbegriff erst nach und nach erobert hat. In dieser Zeit sehen wir zum Beispiel den großen, hehren Denker

Sokrates stehen. Warum sollte Sokrates nicht in der Lage sein, vor allem zu sprechen, wie sich der Mensch Tugenden aneignen kann? Warum sollten nicht seine Reden den tief~ sten Eindruck machen können in bezug auf das, was sie uns als Moral vergegenwärtigen können? Und warum sollte nicht trotzdem für die Philosophie seiner Zeit der Ge~ wissensbegriff noch nicht erobert worden sein, da wir doch sehen, wie in dieser Zeit die Menschenseele erst dazu drängt, den Gewissensbegriff als den Gott, der im eigenen Innern spricht, zu entdecken? Wir werden es gerade begreiflich finden, daß Sokrates noch nicht vom Gewissen spricht, weil diese menschliche Seelenkraft damals erst von außen in das Innere hineingezogen ist.

Da sehen wir im Gewissen etwas, was sich mit dem Men­schen heranentwickelt, was der Mensch sich erringt. Wie aber muß sich dieses Gewissen zeigen? Wo muß es sich am allerintensivsten darstellen als das, was es ist? Dort, wo der Mensch mit seinem Ich noch schwach in die Ich-Entwick­lung hineingetreten ist! Das ist etwas, was wir nachweisen können in der menschlichen Entwickelung. In Griechenland selbst waren schon die Menschen etwas weiter, so daß dort die Ich-Entwicklung schon hinaufgelangt war bis zur Ver­standesseele. Wenn wir aber von der griechischen Zeit zu-rückgehen – davon weiß die äußere Geschichte nichts, Plato und Aristoteles wußten es aus der hellseherischen Anschauung heraus -, wenn wir zu dem Ägyptertum und Chaldäertum kommen, so finden wir, daß selbst die höchste Kultur etwas ist, was nicht mit einem innerlich selbständigen Ich errungen wird. Was wir aus Ägyptens und Chaldäas Heiligtümern hervorgehen sehen, das unterscheidet sich gerade dadurch von der heutigen Wissenschaft, daß wir heute die Wissenschaft in der Bewußtseinsseele erfassen; in der vorgriechi~ schen Zeit aber verdankte man alles den Eingebungen der Empfindungsseele. In Griechenland selber schreitet man dazu vor – und darauf beruht der Fortschritt -, daß sich das Ich hinaufentwickelt von der Empfindungsseele zur Verstan~ des~ oder Gemütsseele. Wir leben heute in der Epoche der Entwickelung der Bewußtseinsseele. Innerhalb dieser Ent­wickelung tritt also das eigentliche Ich-Bewußtsein erst so recht auf. Wer wahrhaftig die Menschheitsentwicklung be­trachtet, kann geradezu verfolgen, wenn er von der orien­talischen Kultur hinübergeht zur westlichen Kultur, daß das Fortschreiten der Menschheit so ist, daß ein immer größeres Freiheitsgefühl und eine immer größere Selbstän­digkeit auftritt. Während sich der Mensch früher ganz ab­hängig fühlte von dem, was ihm die Götter eingaben, tritt im Westen zuerst die Verinnerlichung der Kultur auf.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie gerade Aeschylos danach ringt, das Bewußtsein vom Ich heraufzuholen in die menschliche Seele. An der Grenze von Orient und Okzident sehen wir Aeschylos stehen, das eine Auge nach dem Orient gerichtet, mit dem andern nach dem Okzident blickend, herausholend aus der menschlichen Seele, was sich später namentlich in der Vorstellung, dem Begriff des Ge­wissens zusammenfaßt. Wir sehen, wie Aeschylos darnach ringt, aber noch nicht in der Lage ist, die neue Form des Gewissens dramatisch zu verkörpern. Wenn man nur im­mer vergleichen will, wirft man auch alles leicht durch­einander. Man muß nicht nur vergleichen, man muß auch unterscheiden. Das ist das Wesentliche, daß im Westen alles darauf angelegt war, das Ich heraufzuholen aus der Empfindungsseele in die Bewußtseinsseele. Dumpf beschlossen bleibt das Ich im Osten als ein Unfreies. Im We­sten dagegen wachsen die Menschen heran, bei denen das Ich immer mehr sich hinaufringt in die Bewußtseinsseele. Wenn auch die Entwickelung zunächst so verläuft, daß das alte traumhafte Hellseherbewußtsein zum Schweigen gebracht wird, so ist doch alles dazu angelegt, das Ich auf­zuwecken, und als Wächter des Ich, als die Gottesstimme im Innern, das Gewissen entstehen zu lassen. Und Aeschylos ist der Eckstein zwischen der östlichen und der westlichen Welt; er blickt mit einem Auge nach dem Osten, mit dem andern nach dem Westen. Daher verlief der Gang der Menschheitsentwicklung in der Weise, wie wir es eben sehen konnten.

In der östlichen Welt hatten sich die Menschen ein leben­diges Bewußtsein ihres Herkommens von dem göttlichen Weltengeiste bewahrt. Aus diesem Bewußtsein heraus konnten die Verständnisse gewonnen werden für das, was einige Jahrhunderte danach geschah, nachdem die Mensch­heit in Vielen – wie in Aeschylos – darnach gerungen hatte, etwas zu finden, was im Innern als Gottesstimme spricht. Denn da hatte sich zugetragen, daß jener Impuls in die Menschheit trat, den wir bei aller Geistesbetrachtung in der Erd-~ und Menschheitsentwicklung ansehen müssen als den größten, der jemals gekommen ist, und den wir als den Christus-Impuls bezeichnen.

Durch den Christus-Impuls wurde die Menschheit erst in die Möglichkeit versetzt, zu begreifen, daß der Gott, der der Schöpfer der Dinge, der der Schöpfer auch der äußeren Hüllen des Menschen ist, in unserm Innern ver­standen und begriffen werden kann. Nur dadurch, daß die Menschheit die Gott-Menschheit des Christus Jesus begriff, wurde sie fähig zu begreifen, daß der Gott etwas sein kann, was zu uns in unserm eigenen Innern sprechen kann. Damit der Mensch in seinem Innern finden konnte Gott~Natur, dazu war notwendig, daß als äußeres histo~ risches Ereignis der Christus in die Menschheitsentwick~ lung hineintrat. Wäre nicht der Gott, der Christus, in dem Menschenleib des Jesus von Nazareth anwesend gewesen; hätte er nicht ein für allemal gezeigt, daß der Gott im Innern des Menschen erfaßt werden kann, weil er einmal in der Menschheit anwesend war; wäre er nicht als der Sie­ger über den Tod angesehen worden in dem Mysterium von Golgatha, so hätte niemals der Mensch begreifen kön­nen die Innewohnung der Gottheit in seinem Innern. Wer behaupten wollte, daß der Mensch die innere Durchgottung begreifen könnte ohne einen äußeren historischen Christus Jesus, der mag auch behaupten, daß wir Augen hätten, wenn es keine Sonne gäbe in der Welt. Das wird ewig wahr bleiben, daß es eine Einseitigkeit ist, wenn Philosophen sagen: ohne Augen könnten wir kein Licht sehen; also müssen wir das Licht von den Augen ableiten. Einer sol­chen Vorstellung muß immer der Satz Goethes entgegen~ gehalten werden: das Auge sei am Lichte für das Licht gebildet! Wenn keine Sonne den Raum durchleuchtete, würden sich nicht aus der menschlichen Organisation die Augen herausorganisiert haben. Die Augen sind Geschöpfe des Lichtes, und ohne die Sonne könnte nie ein Auge die Sonne wahrnehmen. Kein Auge ist fähig, die Sonne wahr-zunehmen, ohne die Kraft zum Wahrnehmen erst von der Sonne erhalten zu haben. Ebensowenig gibt es ein inneres Begreifen und Erkennen der Christus-Natur ohne einen äußeren historischen Christusimpuls. Was die Sonne ist im

Weltenall für das Sehen, das ist der historische Christus Jesus für das, was wir die Durchdringung mit der Gott-

Natur in uns selber nennen. Um dies zu begreifen und zu verstehen, waren die Ele­mente gegeben in all dem, was vom Orient herüber kam; es mußte nur auf eine höhere Stufe gehoben werden. Die Elemente zum Begreifen des Gottes, der sich verbindet mit der Menschennatur, konnten sich allmählich entwickeln aus der orientalischen Strömung heraus. Begreifen, entgegen­nehmen, was dieser Impuls gebracht hat, dazu waren die Seelen im Westen reif; in jenem Westen, wo sich am inten­sivsten das entwickelt hat, was aus der Außenwelt in die menschliche Innenwelt hineingestiegen ist, und was als Ge­wissen wacht über ein gewöhnliches schwaches Ich. So hat sich die Seelenkraft so vorbereitet, daß das Gewissen ent­stand, das nun sagt: In uns lebt der Gott, der denjenigen erschien, welche drüben im Osten die Welt hellseherisch durchschauen konnten; in uns lebt das Göttliche!

Aber was sich so vorbereitete, hätte nicht zum Bewußt­sein kommen können, wenn nicht in diesem Hervorgehen des Gewissens selber schon der innerliche Gott wie in der Morgenröte vorausgesprochen hätte. So sehen wir, wie das äußere Verständnis für die Gottesidee des Christus Jesus im Orient geboren wird, – wie ihm aber entgegen­kommt im Westen, was das menschliche Bewußtsein als das Gewissen ausbildete. Wir sehen zum Beispiel, wie imRömer­tum gerade in der Zeit, als die christliche Zeitrechnung be­ginnt, immer mehr und mehr vom Gewissen gesprochen wird, und je weiter wir nach Westen kommen, desto deut­licher ist es im Keime oder im Bewußtsein vorhanden.

So arbeiten Osten und Westen sich gegenseitig in die

Hände. Wir sehen die Sonne der Christus-Natur im Osten aufgehen; und wir sehen, wie sich das Christus~Auge im menschlichen Gewissen vorbereitet im Westen, um den Christus zu verstehen. Daher sehen wir den Siegeszug des Christentums nicht nach Osten, sondern nach Westen hin sich entwickeln. Im Osten breitet sich dafür ein Religions~ bekenntnis aus, das die letzte Konsequenz – wenn auch eine höchste – des Ostens ist: der Buddhismus ergreift die östliche Welt. Das Christentum ergreift die westliche Welt, weil sich das Christentum erst sein Organ im Westen ge­schaffen hat. Da sehen wir das Christentum an das ge­knüpft, was dem Westen der allertiefste Kulturfaktor ge­worden ist: den Gewissensbegriff gegliedert an das Chri­stentum.

Nicht durch eine äußerliche Geschichtsbetrachtung, son­dern indem wir innerlich die Tatsachen betrachten, kom­men wir allein zu einem Erkennen der Entwickelung. Was heute ausgesprochen ist, wird noch viele ungläubige Gemü­ter finden. Aber die Zeit drängt dazu, den Geist in der äußeren Erscheinung zu erkennen. Das vermag aber nur derjenige, der zunächst wenigstens diesen Geist dort zu er~ blicken vermag, wo er sich durch einen klar sprechenden Boten ankündigt. Das Volksbewußtsein sagt: Wenn das Gewissen spricht, spricht der Gott in der Seele. Das höchste geistige Bewußtsein zeigt uns: Wenn das Gewissen spricht, spricht wirklich der Weltengeist! Und die Geisteswissen­schaft zeigt den Zusammenhang des Gewissens mit der größten Erscheinung in der Menschheitsentwicklung, mit dem Christus-Ereignis. Kein Wunder daher, wenn für das moderne Bewußtsein dasjenige, was mit dem Gewissens-namen belegt wird, dadurch geadelt wird, dadurch in eine höhere Sphäre hinaufgehoben wird. Wenn gesagt wird, es wird etwas aus « Gewissen » getan, so fühlt man, daß das als zum Wichtigsten der Menschheit gehörig betrachtet wird.

So zeigt sich uns auf ungezwungene Art, daß das mensch­liche Gemüt recht hat, wenn es vom Gewissen spricht als von dem « Gotte im Menschen » Und wenn Goethe sagt, daß es für den Menschen das Höchste sei, wenn sich « Gott­Natur ihm offenbare», so müssen wir uns klar sein, daß sich der Gott dem Menschen nur im Geiste offenbaren kann, wenn die Natur uns auf ihrer geistigen Grundlage erscheint. Daß sie uns so erscheinen kann, dafür ist gesorgt in der Menschheitsentwicklung: auf der einen Seite durch das Christus-Licht, das Licht von außen, und auf der an­dern Seite durch das göttliche Licht in uns selber, durch das Gewissen. Daher darf ein Charakter-Philosoph wie Fichte wirklich vom Gewissen sagen, daß es die höchste Stimme ist in unserm Innern. Daher haben wir auch das Bewußtsein, daß an diesem Gewissen unsere individuelle Würde hängt. Wir sind Menschen dadurch, daß wir ein Ich-Bewußtsein haben; und was sich im Gewissen uns zur Seite stellt, das stellt sich unserm Ich zur Seite. Das Ge­wissen ist daher auch etwas, was wir als ein heiligstes, in­dividuelles Gut ansehen, in das uns keine äußere Welt hineinzureden hat, und wodurch wir Richtung und Ziel uns selber vorsetzen können. Daher ist das Gewissen für den Menschen etwas, was er als ein Allerheiligstes ansehen muß, von dem er weiß, es weist auf ein Höchstes, aber auch auf ein Unantastbares im menschlichen Innern hin. Da soll ihm niemand hineinsprechen, wo ihm sein Gewissen spricht!

So ist Gewissen auf der einen Seite eine Gewähr für den

Zusammenhang mit den göttlichen Urkräften der Welt, und auf der andern Seite die Gewähr dafür, daß wir in unserm eigensten Individuellsten etwas haben, was wie ein Tropfen aus der Gottheit ausfließt. Und der Mensch kann wissen: Spricht das Gewissen in ihm, so spricht ein Gott!